Hass und Wut in einer BDSM Session

Vor einigen Tagen erreichte mich die Nachricht einer Leserin, die mich fragte, wie ich mit Hass- und Wutgefühlen in einer Session umgehe. Genauer stellte sie die Frage, ob ich manchmal wirklich Hass in einer Session empfinde und wie ich damit umgehe, ohne wie sie in solchen Momenten aus der Fantasie katapultiert zu werden.

„Du schreibst in 2 Beiträgen 2013 von Hassgefühlen während der Session. Später schreibst du nur mehr von Wut. Sind das wirklich deine Gefühle oder ist es der Dramaturgie geschuldet? Manchmal machen sich meine Fantasien selbstständig und dann passieren Dinge, die ich mir eigentlich nicht wünsche und dann bekomme ich sofort Hassgefühle, die mich aber aus der Fantasie werfen. Wie lässt sich das mit Hingabe und Demut vereinbaren?“

Ich glaube, dass es in einer normalen Session keine Hass oder Wutgefühle geben sollte. BDSM ist ein Gemeinsames Spiel, dessen Rahmen und Grenzen man zuvor festgelegt hat. Ich selbst mag es nicht, wenn ich das, was passieren wird im Vorfeld kenne, sondern mir ist es lieber, wenn ich mich mit der quälenden Frage, was kommen wird oder wie lange ich warten muss, in meinem Kopf auseinandersetzen kann und es so Teil der Dramaturgie der Session wird.

Dennoch haben wir Regeln und Grenzen, in denen wir uns bewegen und innerhalb derer ich weiß, auf was ich mich einlasse. BDSM ist immer auch ein Spiel mit Gefühlen. Sich einem Anderen zu unterwerfen erfordert, dass man ein Stück aus dem Alltag aussteigt und sich für eine gewisse Zeit auf etwas anderes einlässt. Sich einem anderen Menschen unterzuordnen birgt immer auch ein gewisses Konfliktpotenzial, aber meistens taucht man ganz in sein anderes „Ich“ ein und genießt es einfach.

Für viele Menschen besteht BDSM vor allem aus diesem gemeinsamen rein einvernehmlichen Miteinander. Es ist vielleicht auch der BDSM Bereich, den man als gesellschaftsfähig bezeichnen könnte. Bei dem Lust, Schmerz und zärtliches Miteinander sichtbar werden. Bei dem man sieht, dass zwischen beiden Partnern eine Beziehung und Bindung besteht, die auf mehr aufbaut als auf primitiver Triebbefriedigung fußt.

Ich könnte mir BDSM bei dem ich nicht das Gefühl habe, dass ich meinem Partner wichtig bin und als geliebter Mensch hinter der devoten Maske wahrgenommen werde nicht vorstellen. Ich denke, es ist das Gerüst und Vertrauen, dass man zu seinem Partner braucht um sich wirklich „fallen lassen“ zu können und eine Session wirklich frei und unbeschwert genießen zu können.

Darum empfinde ich meistens auch mehr Lust und Leidenschaft als Hass und Wut in einer Session und es fällt mir leicht, in meine natürliche devote Rolle zu kommen. Aber manchmal will ich auch an meine Grenzen gebracht werden. Schmerz erleben, der bis an das Maximum geht das ich ertrage, Erniedrigung erfahren, die fast an der Substanz kratzt. Es ist das andere, das dunklere BDSM, das weniger romantisch anmutet und auf Außenstehende verstörend wirken kann. Und es ist das BDSM, bei dem ich hasse, bei dem ich mich wütend wehren will und alles andere als in einer devoten Ader meines „Ich“ treibe.

Schmerz der sich anfühlt, als wäre es nicht zu ertragen und einen an den Fesseln die einen gefangen halten reißen lässt. Schmerz der tief unter die Haut geht und sich in einem ansammelt, einen jede Sekunde im Adrenalinrausch wie in Zeitlupe erleben lässt. Der am Körper, an jeder Nervenbahn, jeder Synapse reißt und einem die Tränen in die Augen treibt. Demütigung, die Scharm und Wut an die Oberfläche treibt und einem jede devote Neigung vergessen lässt. Die einen dazu bringt nicht eine Sekunde in die Zukunft oder Vergangenheit zu denken, sonder nur im Augenblick zu leben. Seine innerstes im Hier und Jetzt zu spüren.

Es ist dieser Rausch der Gefühle, der mich manchmal auf die dunkle Seite des BDSM treibt. Diesen Zustand zu erleben und vor allem das, was danach kommt. Wenn man an den Punkt kommt, an dem man jeden Widerstand aufgibt. Vollkommen wegdriftet und einen Rausch erlebt, den man nicht in Worte fassen kann. Am Ende der Wut, des Hasses, der Verzweiflung, des Selbstmitleids, der Tränen und Flüche kippt all jenes in einen unglaublichen Bewusstseinszustand voller bedingungsloser Hingabe und völligem abhandenkommen aller negativen Gedanken. Ein Zustand der Ektase, der einem das Gefühl gibt, dass die Grenzen des körperlichen verschwimmen.

Doch selbst wenn man auf diese dunkle Magie steht, ist es nichts, dass man oft erleben kann. Der Körper setzt seine Grenzen und braucht lange, sich von einer solchen Session zu erholen. Ein weiterer Faktor ist, dass es für den dominanten Part nicht leicht ist, über die Schwelle zu treten, an der man normalerweise aufhört. Einen Menschen den man liebt an einen Punkt zu treiben, an dem er fast zu zerbrechen scheint. Es ist ein Tanz auf der Rasierklinge und nichts, dass man mit einem Partner dem man nicht vollkommen vertraut und der einen in jeder Lebenslage kennt versuchen sollte.

Ich kenne viele Subs die enttäuscht sagen, dass ihnen ihr Partner nicht das geben könnte was sie brauchen, dass sie ihre Grenzen erfahren wollen und ihr Partner eine Session beendet bevor sie an diesen Punkt kommen. Aber ich glaube, dass es auch ein Zeichen der Zuneigung und des wirklichen Interesses am anderen ist, wenn man vor jenem Punkt Respekt hat. Viele ziemlich gute und erfahrene Doms haben das Problem, dass sich ihre Subs mit denen sie grade eine Beziehung aufbauen anderen zuwenden, die weniger Hemmungen haben sie in diesen Bereich zu bringen. Aber wer sich nicht auf einen labilen Egoisten einlassen will, der sollte an diesem Punkt lieber viel Geduld mitbringen und dieses Erlebnis sicher und in guten Händen erleben, auch wenn es nicht der schnelle Weg ist.

Ich hoffe, dass ich ein bisschen zwischen einer von Hass und Wutgefühlen geprägten harten Session und einer normalen devot und lustvoll definierten Unterscheiden helfen kann. Dabei ist natürlich anzumerken, dass jeder etwas andere Vorstellung hat und was für einen eine Grenze ist, an der er Wut empfindet für einen anderen eine ganz normale Praktik sein kann. Aber es ist durchaus normal, dass in einem Moment voller Wut und Hass die devote unterwürfige Neigung in den Hintergrund tritt. Es ist ein Teil des BDSM, bei dem beide Partner lernen müssen, wo diese Grenzen sind und wie sie damit umgehen wollen. Grade am Anfang verschieben sich sie Grenzen, die der Kopf einmal gesetzt hat oft ein wenig zu denen, die mehr der Körper setzt und in dieser Zeit kann man seine Grenzen leichter und öfter erleben und ist schneller enttäuscht, wenn der Partner nicht bis an diese (vermeintliche) Grenze herangeht. An diesen Punkten hilft reden und das Neudefinieren wo die Grenzen wirklich liegen und sich klar machen, dass auch ein devot veranlagter Mensch nicht in jedem Moment devot ist.

13 Gedanken zu „Hass und Wut in einer BDSM Session

  1. Das hast du wundervoll beschrieben und es kribbelt in mir bei deiner Beschreibung. Ich glaube, ich gehöre auch zu denen, die ungeduldig sind, weil der Partner nicht an die Grenzen geht bzw. den Eindruck vermittelt, gar nicht genau zu wissen, wo überhaupt die Grenze ist.
    Auch Doms haben auch sicherlich Grenzen…
    Schade, dass ich noch arbeiten muss – würde jetzt viel lieber mit meinem Schatz über deinen Text sprechen. 🙂 Aber ich bitte ihn, das zu lesen. Später. 🙂

    • Freut mich, wenn ich dich ein wenig zum Nachdenken anregen konnte. Ich glaube, dass es sehr vielen so geht, dass sie in dem Moment in dem sie selber merken, dass sie weiter gehen könnten erwarten, dass der Partner das auch tut. Aber die Entwicklungen sind oft ein bisschen asynchron und da muss man aufeinander warten…

      LG

      • Oh ja sehr. Vieles bei dir regt mich zum Nachdenken an!
        Stimmt, asynchron trifft es gut, ich warte nur sehr ungern… *seufz*
        Darf ich, sofern ich das hinbekommen, deinen Artikel rebloggen (heisst das so?)?

      • Hey,

        klar darfst du rebloggen 🙂 Mit der Funktion von WordPress ist das ohne Probleme möglich und der Urheber wird auch gleich ordentlich genannt.

        LG

      • Wundervoll! Vielen lieben Dank. *freu*
        Dann werd ich mal mein Glück versuchen, ich bin manchmal technisch ne kleine Dummnuss. 🙂

  2. Zuerst Danke, für deine ausführliche Antwort.
    Ich bin nicht masochistisch. Deshalb tu ich mir wohl schwer deine Ausführungen vollständig nachzuempfinden. Der Gedanke an solche Schmerzen reicht,um in mir Angst und Wut auszulösen. Aber beim Lesen ist mir noch was eingefallen: die Geschichte mit dem Eiswürfel. Soweit ich mich erinnern kann, hast du ihn einfach nur gehalten. Mir ist das ein völliges Rätsel, wie du das geschafft hat!? Ich hätte ihn gleich mal fallengelassen…..einfach aus Instinkt. Ist ja was Anderes als gefesselt an seine Grenzen gebracht zu werden, denke ich.. Wie kann Devotion so weit gehen? Das ist für mich momentan unvorstellbar!!!.

    lg Gabi

    • Ich denke, es gibt auf verschiedenen Ebenen Grenzen, an denen man Wut oder andere negative Gefühle für denjenigen empfindet, der die Situation auslöst. Das kann Schmerz sein, dass kann aber auch eine Praktik im D/S Bereich sein, die für das eigene Empfinden zu weit geht und eine eigene innere Grenze übersteigt.

      Aber ich glaube, dass es in der Situation normal ist, wenn man eben weniger devot ist und sich mehr von anderen Gefühlen leiten lässt, die einen in eine ganz andere Richtung bringen… BDSM ist immer auch ein Spiel mit dem Verstand und man muss sich bewusst sein, dass man an einen Punkt kommen kann an dem man aus seiner Rolle fällt….

      LG

  3. Hat dies auf kittysplaysuite rebloggt und kommentierte:
    Die liebe Nadine hat mir erlaubt, diesen Artikel zu rebloggen. Also versuch ich mein Glück (mein erstes Mal).
    Der Text ist für mich sehr tiefgehend, trifft vieles, was mich betrifft, regt zum Nachdenken an. Es kribbelt in mir und auch ich gehöre zu denen, die ungeduldig sind. Ich geb es zu.
    Also nochmal vielen Dank, dass ich das bei mir rebloggen darf!

  4. Sehr schön geschrieben.

    Wut und Hass sind starke Emotionen. Sie haben auf dominanten Seite für mich nichts zu suchen, wenn es um Aktivität geht. Hier ist Selbstkontrolle gefragt.

    Meinen devoten Part mache ich stets darauf aufmerksam, dass es diesen Moment geben kann. Der Moment in dem sie Wut und Hass auf mich verspürt. Nicht allen ist das bewusst oder kennen es. Und auch auf dominanter Seite wird das manchmal unterschätzt und sorgt manchmal für Irritationen. Wichtig ist hier auch immer darüber zu reden wie Reaktionen aussehen können. Denn das Auffangen besteht nicht zwangsläufig aus dem Suchen von Nähe. Das kann genau in dem Moment das Falsche sein.

  5. Ich danke Ihnen für den tollen Artikel. In einer Session sollte solche Gefühle nicht vorkommen.
    In gespielter Form ist das in Ordnung.
    Beste Grüße,
    Jens

  6. Hass und Wut haben in derlei Sessions nichts zu suchen, ausser man kann damit umgehen, hat sich selber insofern unter Kontrolle als das man diese nicht ausschweifen lässt, als passiver Part kann ich ja Hass und Wut empfinden, kann mich wehren, schimpfen, treten oder gar spucken, dennoch ist die Frage zu klären woraus diese Wut resultiert, ist sie davor schon da gewesen, weils beziehungstechnisch Stress gegeben hat? Oder ist dieser Hass und diese Wut aus der Session heraus entstanden? Weil man so schlimm und bösartig gequält worden ist um dann diese Regungen zu empfinden? *grins*

    Aber als aktiver Part sind derlei Gefühle tödlich, da sollte man wenn man dies nicht unter Kontrolle hat, die Session gar nicht lange anfangen, so mein persönlicher Rat, meiner Erfahrungen …..

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