Wenn das Leben in tausend Stücke zerspringt (erster Beitrag von Manu)

Mein ganzes Leben habe ich die Werte gelebt, die mir meine Eltern mit auf den Weg gaben. Das alle Menschen gleich sind, das jeder Mensch wichtig ist, das man jeden Menschen mit Respekt behandelt und wir glücklicherweise in einem Land leben, in dem Mann und Frau gleichberechtigt zusammenleben.

Ich hatte schon immer ein starkes Gerechtigkeitsempfinden und konnte es nie leiden, wenn jemand seine stärke gegenüber einem Schwächeren zur Schau stellte. Ich habe immer versucht mein Leben zum Wohle vieler und nicht nur zu meinem eigenen Vorteil zu leben. Doch da gab es auch immer dieses dunkle Verlangen, dass ich hörte, wenn ich mit meinen Gedanken alleine war und tief in mich hinein lauschte.

Eine Lust, die mit meinen eigenen Werten, meinen Überzeugungen zu kollidieren schien. Eigenartige Gedanken, von Frauen, Ketten, Käfigen und Schmerz machten sich über meine erotische Gedankenwelt her und ließen mich unsicher, wie ich damit umgehen sollte zurück.

Für mich war immer klar, dass ich nie einem anderen schaden wollte und so versuchte ich, meine Gedanken zu zerstreuen. Ich begann zu klettern, lernte Motorradfahren, stürzte mit einem bisschen Stoff in Form eines Fallschirms auf dem Rücken der Erde entgegen. Begann meine Gedanken zu fokussieren und dem Rausch des Adrenalins zu verfallen. Doch manchmal schlichen sich unerhörte Vorstellungen zurück, wenn ich einer hübschen Frau nachsah oder in Gedanken schweifte.

Ich begann mich mehr mit dem, was meine erotischen Vorstellungen unterwanderte auseinanderzusetzen und begriff langsam, dass ich nicht der einzige mit etwas anderem Appetit war, sondern man diese Neigung BDSM nennt. Ich lernte, dass es einen entscheidenden Unterschied zwischen einvernehmlichen BDSM und strafrechtlich relevantem Fehlverhalten im Bezug auf andere Menschen gibt. In der Alten Welt der Newsgroups, die das Internet im letzen Jahrtausend prägten, tauschte ich mich aus und lernte die Sichtweise anderer kennen. Langsam entwickelte sich so meine eigenen Vorstellungen von BDSM und wie man ihn einvernehmlich und zum Vergnügen und zur Lust aller beteiligten ausleben kann.

Das BDSM im Gegensatz zu vielem was man heute leider ließt, eine erotische Spielart ist, an der alle beteiligten Spaß haben sollen und deren Grenzen und Regeln man gemeinsam festlegt. Das es nichts gibt, dass man machen muss um dazuzugehören, sondern seine ganz eigene Neigung ausleben kann und genausogut Praktiken ablehnen darf, die für andere zwingend dazu gehören. BDSM ist das Abenteuer, für das man sich entscheidet. Eine Bereicherung für das eigene Sexualleben, etwas das einen intensiver leben und fühlen lässt, aber nichts das zu einem allumfassenden Lebensinhalt werden sollte.

Es dauerte einige Zeit bis ich die Neigung in mir verstehen und lieben gelernt hatte. Aber mit der Zeit spürte ich immer stärker den Wunsch, aus Gedanken und Fantasien Wirklichkeit werden zu lassen. So kam es, dass ich eines Tages mein erstes Date mit einer Frau hatte, die genau wie ich eine dunkle Seite in sich hatte und wir beschlossen gemeinsam einen Blick hinter die geheimnisvolle Tür unserer Persönlichkeit zu wagen.

Es war der Moment, in dem mein bisheriges Leben in tausend kleine Stücke zersprang. In dem ich lernte, das BDSM kein Schauspiel ist, dass man im einsamen Theater der eigenen vier Wände bei Kerzenschein aufführt, sondern ein intimer Moment, in dem die Regeln des Alltags für den sich zwei mündige Menschen nicht gelten. Zu einem zustand zudem sie sich aus vollem Bewusstsein heraus entscheiden.

In dem ich begriff, dass BDSM genau das ist, was man langläufig dazu sagt. Ein Spiel.
Ein Spiel mit der Lust, dem inneren Verlangen, dem Kopf, der Fantasie, dem Körper, dem Brennen auf der Haut, das einem ganz sanft an vergangenes erinnert. Das Schmerz und Zuneigung sich nicht ausschließen, solange man zwischen beiden Seiten die Mitte findet und darauf zu balancieren lernt.

Ich hatte mein altes Leben, meine Fassade verloren. Doch ich bekam dafür eine vielschichtigere, genauso einfühlsame, Gerechtigkeit liebende Persönlichkeit zurück, die sich ihrer anderen Seite bewusst ist. Die Respekt und Zuneigung auch in dunkelsten Momenten nicht vergisst, sondern auf dem schmalen Grat der Ektase zwischen Alltag und Ausnahme tanzen lernte.

Als ich vor über einem Jahr gefragt wurde, ob ich nicht auch hier schreiben will, habe ich lange gezögert. Ich mag das schrille BDSM nicht, das sich an vielen Orten im Internet findet. Das BDSM auf einen animalischen Trieb reduziert und das einen glauben lässt, dass Menschen mit BDSM Neigung das Lieben verlernt haben. Vieles was man in der Szene beobachten kann, erinnert mehr an einen Porno ohne Handlung, als an das Zusammenleben sich liebender Menschen.

Aber das ist nicht die Wahrheit. Ich kenne viele Menschen, die seit Jahren glückliche Beziehungen führen, genauso wie Menschen, die in verworrenen Konstruktionen miteinander ihr Glück haben. Es sind die Zufriedenen, die einander gefunden haben. Die die selten das Bedürfnis haben über ihr Leben zu schreiben. Als Nadine und Xander vor 4 Jahren mit dem Bloggen begonnen haben, da haben das viele in unserem Freundeskreis nicht verstanden. Aber im stillen wissen viele unserer Freunde, dass man auch über das andere BDSM schreiben sollte.

Wir leben ein anderes BDSM. Eines, dass viel mit Nähe, Ehrlichkeit, Zärtlichkeit, Respekt und Geborgenheit zu tun hat. Es ist ein Schritt zwischen Licht und Schatten zu vermitteln, zwischen dunkler Lust und greller Liebe und sich nicht für eine Seite zu entscheiden.

Ich glaube, dass heute viele Informationen einfach zu erlangen sind als früher. Das Internet und seine Möglichkeiten haben sich weiterentwickelt. Aber gleichzeitig spürt man auch, dass sich heute viele Menschen die sich mit dem Thema befassen weit weniger intensiv auseinandersetzen. Das die alten Regeln, die in den 90er Jahren zementiert wurden erste Erosionserscheinungen zeigen.

Ich bin seit zwei Jahren Single. Ich meine damit nicht, dass ich seit so langer Zeit keine nackte Frau vor mir stand, aber ich merke, dass ich nicht wie viele in der lauten Szene bin und lose inhaltsleere Liebschaften führe. Für mich brauchen die Dinge einen Rahmen. Freundschaft. Echtes Interesse am anderen. Gemeinsamkeiten, die über die Dauer eines Pornofilms hinausgehen. Alltag und Besonderes gehören zusammen. Mensch nicht Sub.

In der Szene mag das eine ungeheuer lange Zeit sein. Ich beobachte viele, die scheinbar das Interesse am Menschen vergessen haben. Die zwar denken, dass sie einen Menschen suchen, aber in Wirklichkeit nur eine Nummer suchen und das nicht mal merken. Das ist der Grund, wieso ich mich am Ende entschieden habe doch zu schreiben. Um zu zeigen, dass BDSM vielschichtig ist und nicht nur aus dem lauten Teil besteht. Das es viele gibt, die einander lieben und zusammen glücklich sind. Über die einsamen, die wissen, was sie verpassen, wenn sie der Versuchung schneller Nummern erliegen. Das BDSM mehr ist als ein Spiel und nicht auf Sexualpraktiken reduziert werden kann.

Ich freue mich über eure Gedanken. Auch über Kritik und Widerspruch.

Manu

12 Gedanken zu „Wenn das Leben in tausend Stücke zerspringt (erster Beitrag von Manu)

  1. Hey Manu,

    schön, dass du endlich mal etwas schreibst 🙂 Ich hab ja auch höchstens 500 mal gefragt 😀

    Mir gefallen deine Gedanken wir immer sehr gut 😉 Hoffentlich bin ich nicht die einzige^^

    Liebe Grüße

    Dini

    • Hallo,

      es freut mich sehr, dass dir mein Beitrag gefällt und auch, dass du dich zu einem Kommentar entschieden hast 🙂 Irgendwie weiß man nicht so recht was die Leute denken, wenn man sieht es lesen zwar viele aber kaum jemand schreibt etwas dazu…

      Liebe Grüße

    • Hallo,

      vielen Dank für dein Lob 🙂

      Ich muss mal sehen, ob ich mehr schreibe – ich bin da noch etwas unentschlossen wenn ich ehrlich bin – denn es sind ja doch ziemlich private Erfahrungen über die man primär schreibt. Macht dir das nichts? Wie gehst du damit um?

      LG

      • Nein, das macht mir gar nichts. Ich bekomme ja genauso ganz private Erfahrungen zurückerzählt. Und ich finde es toll, dass man so mal hinter die ganzen Fassaden schauen kann und einen Menschen und seine ungefilterte Lust kennen lernen darf.

  2. hallo manu, danke, dass du uns an deinen gedanken teilhaben lässt! ich freue mich immer, wenn es hier etwas zu lesen gibt. 🙂 das hier ist übrigens mein erster kommentar – und das, obwohl ich euren blog schon vor mehreren monaten von vorne bis hinten durchgelesen habe… (sorry.)

    ich finde deine einstellung auf jeden fall gut. ohne zumindest sympathie von beiden seiten hätte ich auch ein problem mit dem ganzen. ich habe einmal mit jemandem gespielt, ohne ihn zu kennen, aber im nachhinein betrachtet, hätte ich mir das auch sparen können. für mich ist die persönliche ebene auf jeden fall wichtig. aber das ist natürlich ansichtssache.

    • Hallo Femme,

      vielen Dank dass ich deinen ersten Kommentar abbekommen hab 🙂 Hoffentlich bleibt es nicht dein einziger 😉

      Ich glaube, dass es einfach nicht genug Verbinung zwischen einander gibt, wenn man mit jemandem Spielt den man kaum kennt. Dann gibt es auch einfach nicht das gleiche Gefühl…

      Liebe Grüße

  3. Schöner Text, gefällt mir sehr gut. Hat wenig von dem professionellen Hochglanz-BDSM diverser Communities und mehr von dem, was BDSM wirklich ausmacht: Vertrauen und Nähe. Vielen Dank!

  4. Hallo Manu,

    Immer schön, wenn jemand einen Blickwinkel aufzeigt, auf die vielen Facetten des BDSM.

    Ich denke, es geht nie ohne persönliche Erfahrungen und Preisgabe einiger Dinge. Denn genau das ist es ja auch. Eine in jedem Fall individuelle, persönliche Verbindung zweier Menschen.

    Eine kleinen Punkt habe ich anzumerken. Relativ im Eingang definierst Du BDSM als Spiel um jedoch im Endpart genau diese Aussage zu revidieren.

    Ich gebe zu das ich diesen Begriff nicht mag und auch denke, dass es manchmal genau zum Problem der Oberflächlichkeit und anderen Folgen führt. „Ist ja nur ein Spiel“

    Ich denke an jene die im Freundeskreis damit hadern, warum sie so sind und sich stattdessen lieber verbergen.

    Meines Erachtens ist es dass eben nicht, denn oft liegt ein langer Selbstfindungsweg dahinter. Und der Eindruck des „Spieles“ suggeriert irgendwo immer, man könne damit ja auch einfach aufhören.

    Nur bisher traf ich keinen dem das wirklich gelang, zu dessen Sein es zählt.

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