Das Ende einer Ära oder wie (Frauen) heute Daten

Gestern erzählte mir ein guter Freund von seinen letzten Dates. Später am Abend habe ich noch eine Weile auf der Couch gelegen und mir bei alter Musik ein paar Gedanken über seine Ausführungen gemacht. Leider habe ich selbiges in letzter Zeit öfters gehört.

Vor einigen Jahren war es noch mehr so, dass diejenigen die ab und an nach einer Bekanntschaft mit etwas mehr Biss gesucht haben, ihre Abenteuer meistens sehr langsam angebahnten. Man schrieb oder sprach mit dem anderen, lernte seine Sehnsüchte und Ängste kennen, wie der andere denkt und fühlt, seine Ansichten und Einstellungen, den Menschen hinter der Neigung bevor man sich überhaupt dem banalen Fragen des gemeinsamen Abenteuers auseinander setzte. Eine Herangehensweise die für viele, die schon lange im BDSM Bereich unterwegs sind essenziell war. Wie soll man die Reaktionen des anderen erfühlen, wissen wo eine Grenze ist, wenn man einander kaum mehr kennt als aus ein paar kurzen Sätzen.

Diejenigen, die noch heute auf diese Weise auf die Partnersuche gehen, stehen oft vor dem Problem, dass die Frau mit der durchaus ein gegenseitiges Interesse und der gewisse Draht da ist, nach einiger Zeit sich bereits einem anderen zuwendet, da es ihr zu langwierig ist. Die Welt ist sehr viel kurzatmiger geworden. Das Interesse an anderen scheint oft nicht großer als die Aufmerksamkeitsspanne einer Katze. Viele heutige Beziehungen oder Affären im BDSM Bereich gründen auf einer sehr schmalen Basis mit dem was man über den anderen weiß.

Auf der einen Seite kann man einen der Gründe, dass man vieles erleben, ausprobieren und austesten will – und das am besten sofort und jetzt – durchaus verstehen. Demgegenüber häufen sich die Geschichten von Missbrauch, Ausnutzung, Unehrlichkeit, heimlichen Videoaufnahmen, schlechten Erfahrungen und Unfällen durch Leichtsinnigkeit. So das man beides durchaus in eine gewisse Verbindung bringen kann. Statt sich auf ein Gegenüber zu konzentrieren fahren die Meisten heute gleich 3 oder 4 gleisig, was a nicht bietet erreicht man vielleicht bei b oder c.

Dabei will ich keinesfalls sagen, dass die Männer in dieser Beziehung besser wären. Immer wieder hört man von gesetzten Männern jenseits der 40, die primär nach Frauen suchen, die die Volljährigkeit möglichst knapp erreicht haben. Ich glaube, dass mir nur die wenigsten Menschen mit einiger Lebenserfahrung wiedersprechen würden, dass man mit knapp zwanzig noch nicht das gleiche Verständnis vom Leben, seinen eigenen Vorstellungen und Wünschen hat wie einige Jahre später.

Als ich vor vielen Jahren Teil der BDSM Szene geworden bin, gab es ein gewisses Selbstverständnis, dass man sich nicht nur von seinen eigenen Wünschen und Neigungen leiten lässt, sondern auch immer das Wohl und Empfinden des anderen im Auge hat. Vieles was damals formuliert wurde, wie SSC, Eigenwahrnehmung und Selbstverständnis der Szene sind in den vergangen Jahren in gewisser Weise ausgehöhlt worden und zu Floskeln hinter denen man sich versteckt geworden. BDSM ist heute zweifelsohne akzeptierter als vor Jahren, doch zu einem gewissen Grad wurde dies auf kosten einer Beliebigkeit und Gedankenlosigkeit erkauft.

Während man sich früher durch News Groups und Foren gekämpft hat, in denen interessante Menschen an ihren spannenden Ansichten und Gedankengängen verfolgen konnte und langsam ins Gespräch gekommen ist, gibt es heute gleich eine ganze Anzahl von Flirtportalen, auf denen man instant wie eine Nudelsuppe Menschen mit einer scheinbar passenden Neigung auf einem netten Design präsentiert bekommt. Aber der Mangel an Tiefe, an Echtheit ist offensichtlich. Die wenigsten machen sich nur die Mühe überhaupt ein paar Gedanken zu formulieren, ganz zu schweigen von dem Gefühl es mit einem Menschen mit Verstand für das was er vorhat konfrontiert zu sein.

Aber ich glaube man muss sich am Ende doch fragen, ob es ein echter Fortschritt oder doch nur eine Versandung im bequemen ist. Ist es nicht am Ende so, dass man BDSM erst nach langer Zeit wirklich genießen kann, wenn man den anderen kenngelernt hat und seine Reaktionen vorausahnen kann. Gibt es die echte Tiefe, das berühmte „fliegen“ nicht nur wenn man den Tanz auf der Rasierklinge zwischen Absturz und gewöhnlichen Allerlei mit geschlossenen Augen schafft. Ist BDSM nicht mehr als eine Phase voller Abenteuer in der man vieles einmal ausprobiert bevor man sich wieder dem gewöhnlichen zuwendet, weil es doch nicht so das richtige war. Ich glaube, dass man sich einfach fragen muss, was man am Ende erwartet, eine Instantsuppe oder ein mit liebe, Zeit und Hingabe bereitetes Menu.

Ich denke, dass man wohl langsam vom Ende einer Ära sprechen kann. Einer Zeit in der sich viele BDSM Bekanntschaften langsam und mit sehr viel Interesse an den Gedanken des anderen entwickelt haben. Vielleicht hätte ich Nadine in der heutigen Zeit nie kennengelernt ist mir irgendwann in den Sinn gekommen.

Zwischen unserem ersten Schreiben und unserer ersten Begegnung ist sehr viel Zeit vergangen. Ich wusste über Nadine schon sehr viel, bevor wir uns einander überhaupt bildlich vorstellen konnten. Bei vielen Menschen die ich kenne und die schon lange in der Szene aktiv sind, haben sich die meistens sehr beständigen Beziehungen langsam entwickelt. Bevor man sich getroffen hat, wusste man wo die wunden Punkte des anderen liegen, wo man vorsichtig sein muss, wo man stürmisch sein sollte.

Doch was mir mehr zu denken gibt ist, dass sich zunehmend die Menschen mit Ahnung aus der Szene zurückziehen, das vieles den pseudo dominanten Menschen die sich selbst noch nicht so richtig gefunden haben überlassen wird und sie die neue Generation prägen. Wenn ich davon lese, wie sich jemand als zweit bekanntester Dom Deutschlands betitelt, dann frage ich mich schon ob ich in einer Art Zoo gelandet bin der mehr mit dem pseudo BDSM aus den Medien zusammenhängt als mit echter tiefgreifender Erfahrung. Ich beobachte wie sich viele abwenden, die sich ernsthaft für die Frauen die sie Daten Interessieren und einfach genug davon haben, wenn es nur oft genug passiert ist, dass man die Erfahrung gemacht das der Respekt für den anderen nicht gewürdigt wird.

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