Pizzatag

Nach dem Abitur habe ich mich ein ganzes Jahr mit dem Rucksack durch die Welt bewegt und so waren meine Eltern relativ froh, als ich einen Studienplatz in Köln angenommen habe. Ich war nicht wenig überrascht, dass es sich als schwieriger erweisen sollte ein Zimmer in Köln zu finden, als in Bangkok oder Palolem Beach.

Meine anfängliche Euphorie verflog zusehends mit jedem WG Zimmer das mir nicht gefiel und für das ich doch mit unzähligen anderen in Massenabfertigung anstand. Es waren manchmal kuriose Wohnungen dabei. Eine mit so vielen Dachschrägen, das ich mich nur an wenigen Stellen überhaupt aufrecht hinstellen konnte. Zimmer die so klein waren, dass man sich unweigerlich an Szenen aus Filmen erinnerte und über skurrile Vorteile lachen mussten mit denen Vermieter ihre Wohnungen priesen.

Irgendwann suchte ich nur noch nach einem Zimmer zur Zwischenmiete und fand durch Zufall und weil wir beide nicht richtig aufgepasst hatten beim Lesen, ein Zimmer in einer Mädchen WG. Meine Vermieterin, die eigentliche Zimmerbesitzerin, hatte einen Erasmusplatz und irgendwie kam es so, dass ich plötzlich von 4 Frauen gemustert wurde, denen langsam dämmerte, dass ich für die nächsten Monate in ihr kleines Reich eingedrungen war.

Natascha war es egal und sie merkte nur an, dass heute wie jeden Montag eine „paar Leute“ zum Pizza essen vorbeikommen würden, bevor sie ihr Fahrrad die Treppe hinabschleppe und verschwand. Paola war hingegen alles andere als begeistert, wollte es sich aber nicht anmerken lassen und verzog sich bald drauf in ihr Zimmer. Steffanie war mehr damit beschäftigt dafür zu sorgen, dass die aktuelle Basilikumpflanze endlich mal überlebt und nicht wie ihre unzähligen Vorgänger eingehen würde, so dass sie das Problem mit dem Mitbewohner erstmal zur Seite schob. Und Anna hatte von allem nicht so richtig was mitbekommen, was sich aber erst am späten Abend herausstellen sollte.

Ich richtete mich ein wenig in meinem neuen vorübergehenden Zuhause ein, lief zum Supermarkt um die Straßenecke und deckte mich mit ein paar Nahrungsmitteln für den Abend ein, bevor ich mich mit ein paar Freunden zum Joggen traf.

Als ich ein paar Stunden später zurück zur WG kam, hatte ich leichte Schwierigkeiten überhaupt irgendwie durch den Flur in mein Zimmer zukommen. Blöderweise musste ich nach dem Joggen auch noch Duschen, während die „paar Leute“ in der Küche lauthals den Neuzugang in der WG kommentierten. Es waren um die 25 Leute in der kleinen Küche zusammengekommen und während ich hastig aus meinem Zimmer in das gegenüber am Flur liegende Bad hechtete, hörte ich Natascha mir hinterherrufen, dass ich natürlich mitessen könnet und mir eine Pizza belegen sollte.

Mit nassen Haaren, aber trocken Klamotten wagte ich mich in die Küche, wo Natascha mir ohne große Umschweife einen Teigklumpen in die Hand drücke und sagte ich solle mir eine Pizza belegen. Überall um mich herum wurden Pizzas geformt, belegt und herrlich duftende Pizzas gegessen. Es war laut, alle quatschten durcheinander und irgendwie hatte sich die kühle Stimmung vom Nachmittag in ein wildes Gewusel verwandelt, in dem jeder mit einen Freunden quatschte und irgendwo dazwischen stand Natascha und bediente einen uralten Backofen der von seiner Form mehr an einen Kühlschank erinnerte und genauso aufging. Immer wenn wieder ein Satz Pizzas fertig war und neue in den alten Backofen gelegt wurden, trat Natascha die Tür mit einem beherzten Tritt zu, da die Türe wohl etwas klemmte.

Ich quatschte hier und da mit ein paar Leuten und blickte hin und wieder zu Paola hinüber die mir gegenüber am Tisch saß und offenbar einer Freundin von dem Unglück erzählte das sie ereilt hatte und mich zu ihrem neuen vorübergehenden Mitbewohner machte. Ihre Freundin blickte mich dabei musternd mit ihren blauen Augen an, während sie sich die blonden Haare aus dem Gesicht schob und mit ihren perfekt manikürten Fingern Stücke aus der Pizza vor sich herausbrach und langsam in ihrem Mund verschwinden ließ.

Während ZZ Top den Sound des Abends bestimmte, fühlte ich mich zwischen alle den Pizzaresten, mehligen Tischen und Discounterwein plötzlich unheimlich wohl. Es war, als würde ich schon ewig an diesem Ort wohnen, als sei Köln wie all die Klischees ein riesiges Dorf in dem man einander gernhat und zusammen feiert. Spät am Abend leerte sich die Küche langsam und Anna fragte mich mit wem ich eigentlich gekommen sei. Paola verdrehte nur die Augen und verwand das zweite Mal an diesem Abend auf ihr Zimmer. Eine andere Frau blickte mich lange an und sagte während sie den letzten Wein in ihr Glas schüttete „du wirst heulen, wenn du wieder ausziehen musst“, grinste mich an und machte sich zusammen mit den meisten anderen auf den Heimweg.

Wie durch ein Wunder waren am nächsten Morgen alles Mehl und alle Krümel aus der Küche verschwunden. Natascha knabberte an ein paar Pizzabrötchen die sie aus dem restlichen Teig geformt hatte und fragte mich aus, während sie mir ein paar Pizzabrötchen über den Tisch schob und erklärte das diese warm, mit etwas Butter und Salz am besten wären.

Langsam gewöhnte ich mich ein. Immer montags war Pizzatag, immer mittwochs kochte Paola mit ihrer besten Freundin Yvonne, die wann immer ich sie sah einen kurzen Rock, ein enges Top und High Heels trug. Mit ihren blauen Augen musterte sie mich jedes Mal kurz, doch nie fanden wir zu einem richtigen Gespräch.

Paola hatte sich inzwischen an mich gewöhnt und stellte fest, dass es ganz praktisch war einen Mann im Haus zu haben, den man dazu nutzen konnte Möbel in ihrem Zimmer umzustellen oder Bilder die sie malte irgendwo an kaum erreichbaren stellen an den hohen Wänden aufzuhängen. Inzwischen wurde ich regelmäßig mit den Resten versorgt, die bei den Mittwoch stattfindenden Koch und Filmabenden anfielen.

Manchmal klopfte Yvonne an meine Tür und reichte mir mit einer seltsamen, kaum zu beschreibenden Aura die sie in diesen Momenten umgab einen Teller mit den neusten Kreationen des Hauses. Stets mit kerzengrader Haltung, perfekt zusammenstehenden Beinen und kaum bemerkbaren lächeln, bevor sie ohne viele Worte wieder in Richtung des Wohnzimmers verschwand.

Irgendetwas faszinierte mich an ihr, doch ich wusste nicht so recht was.

Eines Abends ging ich auf einem Stammtisch von dem ich im Internet gelesen hatte und blickte in Paolas entsetzte Augen. Noch während ich darüber nachdachte, ob ich lieber wieder gehen sollte, war Paola verschwunden. Am nächsten Tag als wir uns mittags in der WG über den Weg liefen, erwähnte sie den Vorfall mit keinem Wort, so dass ich es ihr gleich tat. Doch am nächsten Mittwoch spürte ich, wie Yvonnes Knie weich waren, wie sie sich fast vor dem Geräusch erschreckte als die an meine Tür klopfte und mir die Reste des Küchenabenteuers überreichte. Wesentlich länger als sonst musterten mich ihre kühlen blauen Augen. Wir schwiegen uns einen Moment an während sie in der Tür zu meinem Zimmer stand.

6 Gedanken zu „Pizzatag

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